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"Boscarin” Zwilling der Chianina Rasse
Giusto Da Mar

Die Wiederentdeckung des mächtigen istrischen Rinds, GERETTET von einem Tierarzt aus Triest

 

Das Fell ist milchigweiß, dunkler bei den Jungtieren, während die erhabenen leierförmigen, von zwei Messingknöpfen abgeschlossenen Hörner an den Minotaurus erinnern, seinen mythologischen Vorfahr. Der kräftige Hals, die mächtigen Schultern, der langsame, majstätische Schritt sowie das beeindruckende Gewicht (schon ein junges Tier erreicht bequem eine Tonne) verleihen dem istrischen Rind eine natürliche Monumentalität.

Bis vor wenigen Jahren konnte man sie noch langsam über die istrischen Felder ziehen sehen, entlang dem Tal des Quieto oder in der Umgebung von Pola (Pula), südlich von Pisino (Pazin). Doch heutzutage ist der ”Boscarin” (wie das istrische Rind seit je von den Einheimischen genannt wird), zur genetischen Kostbarkeit geworden: Die alte Population zwischen Capodistria (Koper) und Pola, die einst bis zu 50.000 Stück betrug, ist bis auf eine spärliche Gruppe von kaum zweihundert Köpfen zusammengeschmolzen.

Das mächtige Tier, das einer jahrtausendealten Rasse entstammt, hat Kriege und Seuchen überlebt, nicht aber die Feinde, die der Fortschritt mit sich brachte: den Traktor und die Spezialisierung in der Landwirtschaft. Zwar diente das istrische Rind auch als Milch- und Fleischlieferant, doch wurde es seiner unglaublichen Kraft wegen hauptsächlich als Zugtier eingesetzt: Mit Rindergespannen transportierten die Römer aus den umliegenden Steinbrüchen den Marmor für die Arena von Pola heran, und die Venezianer nutzte sie, um Eichenstämme ans Meer zu schaffen. Zwischen Montona und Portole im Bosco di San Marco, einer Staatsdomäne, pflanzten sie Eichen, deren Wipfel am Boden festgebunden wurden, damit die Stämme gebogen wuchsen. So erhielten die Schiffszimmerleute im Arsenal für den Bau der Galeeren Holz angeliefert, das bereits die richtige Krümmung besaß. Durch diesen Trick war Venedig in der Lage, in viel kürzerer Zeit als die konkurrierenden Seerepubliken oder die Türken, ihre Todfeinde an den Adriaküsten, eine ganze Schlachtflotte zu bauen. Allerdings stellte sich das Problem, wie man die Stämme zu den Schiffen transportieren sollte; aufgrund ihrer gekrümmten Form war es nicht möglich, sie über den Quieto zu verschiffen. So entstand die ”Carrettada”: Die Gendarmen der Serenissima requirierten bis zu 20.000 Rinder, um das Holz vorsichtig über Land abzutransportieren. Ein Rinderpaar zu haben, bedeutete damals eine sichere Investition und Einnahmequelle, aber auch ein Statussymbol, zeigte man dadurch doch, wie viel Land man besaß, das zu beackern war. Die armen Leute ohne Ackerland mussten sich mit Eseln bescheiden.

Auch in der Milcherzeugung wurde der Boscarin durch hochgezüchtete Kurzhornrassen verdrängt, die gewiss produktiver sind. Bliebe das Fleisch, doch auch in diesem Bereich hat die Industrie über die Vernunft gesiegt. Die neuen Rassen erzielen auf den ersten Blick bessere Quoten: Rassen wie Cuneo- oder das Fassona-Rind gebären Kälber mit so großen Schenkeln, dass sie per Kaiserschnitt zur Welt gebracht werden müssen. Im Stall werden die Monsterkälber mit Maissilage und Nahrungszusätzen gemästet. Innerhalb weniger Monate kommen so riesige Fleischberge auf unsere Teller, die jedoch geschmacklich minderwertig sind.

Recht haben deshalb jene Feinschmecker, die derart fade Erzeugnisse verschmähen und nach einem Florentiner Beefsteak vom Chianina-Rind suchen, allerdings nicht im Bewusstsein, einen nahen Verwandten des Boscarin-Rinds zu verspeisen. Tatsächlich handelt es sich beim Boscarin um eine uralte Rasse, die durch natürliche Auslese entstanden ist. Sein Vorfahr war der ”Bos planifrons” des Miozäns, aus dem im Pleistozän vermutlich der ”Bos nomadicus” (afroasiatischer Ur) und später der ”Bos taurus macroceros” hervorging, ein Tier von massiger Gestalt mit langen Hörnern, der die Wälder Asiens, Süd- und Osteuropas bevölkerte und dort Urahn des ”Steppenrinds” bzw. Podolischen Rinds wurde.

Von den hochgelegenen Granitböden der östlichen Ukraine (auch Podolien genannt) wanderten dann vor über 500.000 Jahren die Vorfahren des Boscarin durch spontane Migration ins Küstenland der östlichen Adria und von hier in die küstennahen Gebiete der italienischen Halbinsel ein, wo in der Folge isolierte Populationen, Familien und Unterfamilien entstanden, die viele Ähnlichkeiten aufweisen: So gibt es heute neben dem istrischen Rind auch das marchigianische, das apulische, das kalabrische, das maremmanische usw. Schon in römischer Zeit kam es durch eine umsichtige natürliche Auslese, bei der nur sinnvolle Kreuzungen entstanden, zur Zucht eines immer reineren, größeren und robusteren Podolischen Rinds: Ergebnis war in Istrien der Boscarin, in Italien unter anderem das Chianina-Rind und das Maremmana-Rind.

Doch während in Italien einige Züchter schon vor längerem Zeit begriffen haben, dass die Zucht alter Rinderrassen auch ein Geschäft sein kann, werden in Istrien in dieser Hinsicht abgesehen von Anstrengungen, das genetische Erbe zu sichern, nur vorsichtige erste Schritte unternommen. Dank der Unterstützung des Triestiner Tierarztes Dr. Livio Dorigo, einem leidenschaftlichen Freund der Natur und ihrer Geschöpfe, ist vor acht Jahren auch in Istrien ein Zentrum zur Rettung des einheimischen Rinds entstanden. Das istrische Rind findet sich übrigens nur noch im kroatischen Teil Istriens; im slowenischen Teil ist es ausgestorben. Zagreb erlaubt nicht, dass das Rind in die Ställe des Nachbarlandes zurückkehrt, obwohl Slowenien viel dafür geben würde, um an den Samen für eine Wiederaufzucht zu gelangen.

Der ”Genpark“ des istrischen Rinds befindet sich auf lediglich einem großen, von istrischer Macchia und schönen Wiesen umgebenen Areal, wo rund dreißig Rinder friedlich weiden. Seinerzeit beraten durch Dr. Dorigo, hüten Marino und Aldo Stifanic heute ihre Tiere und leiten den benachbarten Bauernhof mit Fremdenverkehr in Visignano, das südlich von Visinada an der Straße nach Pola liegt: Jeden Sommer am letzten Donnerstag im Juli findet hier der letzte verbliebene Boscarinmarkt statt, ein einzigartiges Schauspiel, das dank der kroatischen Regierung, die die Züchter inzwischen mit adäquaten Summen unterstützt, vielleicht die Chance hat, erhalten zu bleiben.

Doch wer nun glaubt, es wäre ein Kinderspiel, hier ein Florentiner Beefsteak vom Boscarin zu bekommen, der irrt. Im Sommer richten sich die Bauernhöfe auf den Tourismus ein: Es gibt istrischen Schinken, die klassischen Fusi (handgemachte Makkeroni) in Hühnersoße, Lammspieß und Spanferkel ... Wer allerdings nach einem ”echten” Rippenstück fragt, das von einem unmittelbar nach der Geburt kastrierten, mit 18-20 Monaten geschlachteten Kalb stammt, dessen Fleisch fettgemasert ist (was jedem Fleisch erst den Geschmack gibt) und das zunächst mit Muttermilch und später mit Weidegras aufgezogen wurde – wen es nach einem solchen Stück Fleisch gelüstet, der sollte bis zum Herbst warten, wenn das Restaurant "Stancija-Boskarin" öffnet – allerdings nur auf Vorbestellung von mindestens 20 Personen. Begeistern Sie daher Ihre Freunde für eine Reise, kündigen Sie Ihre Gruppe den Brüdern Stifanic an (++385 (0) 52-449184 oder ++385 (0) 52-449553 oder per Handy ++85 (0) 98-255307) und bitten Sie um Reservierung einer ordentlichen Menge Rippenstücke vom Boscarin. Wie beim Cherso-Schaf ist auch beim Boscarin die Verurteilung einzelner Tiere zur Schlachtung die einzige Methode, um das Überleben einer für den kurzsichtigen modernen Menschen ”nutzlos” gewordenen Rasse zu sichern. Andernfalls, so merkt Dr. Dorigo zu Recht an, ”kommt es auch in Istrien zu der paradoxen Situation, dass immer weniger Boscarin-Rinder gezüchtet und immer mehr Straußenfarmen eingerichtet werden”.


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