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Italiano

KRUTERKUNDE AUS ROVIGNO
Otello Fabris

Im antiken Franziskanerkloster befindet sich das 1756 aus Padua gelangte Buch

Gehet hin in Frieden, die Messe ist zu Ende mit diesen Worten, so will es die katholische Lithurgie, entlsst der Priester gemeinhin seine Glubigen. Doch fr Bruder Job Mikoli ist damit noch lange nicht Schluss, denn er fgt einladend hinzu: Und wer noch auf ein Glschen in unser Refektorium mitkommen mchte, den laden wir hiermit herzlich ein. Wir ist ein Euphesmismus, denn in Wirklichkeit wacht dieser kleine, unablssig lchelnde Mnch ganz allein ber die groe Kirche und das Kloster der Franziskaner in Rovigno (Rovinj). Das Refektorium ist von geheimnisvollem Zauber: Bruder Job entkorkt dort eine Flasche seines Kirsch-Ratafia, der dickflssig in die Glser fliet und intensive Aromen freisetzt. Die Farbe ist brunlich-rot, wie Blut. Als der italienische Dichter Gabriele DAnnunzio einst in Zadar einen solchen Likr der Firma Luxardo probierte, taufte er ihn sofort auf den Namen Sangue Morlacco Morlachenblut.

Es ist fast Mittag, das intensive Aroma von Sauerkirschen und Krutern lsst das Wasser im Munde zusammenlaufen, doch der Zauber des Ortes lsst einen nicht fort. Pater Job htet eine Kostbarkeit, die er dem Besucher unbedingt zeigen will, den Kirchenschatz der Franziskaner von Rovigno. Und er kann mit einer berraschung aufwarten: ein groes Herbarium, 1756 von Bruder Francesco da Campolongo mit Sorgfalt und Flei? verfasst auf Anweisung seines Oberen, Bruder Giangerolamo da Castelfranco, der fr die Krankenstube der Minoritenbrder des Ospizio di San Nicol Persiano in Padua verantwortlich war.

Wie aber kam diese schne Sammlung von 300 Pflnzchen und Blumen mit dem Titel "Erbario al Naturale" nach Rovigno? Durch einen Mnch, der auf der Flucht vor den napoleonischen Truppen das Buch aus seinem Platz (Regal P, Reihe 9, Nr. 4) nahm und nach Rovigno brachte. Viele Schiffe voller Mnche und Nonnen verlieen damals Venedig in Richtung Istrien und Dalmatien in der Hoffnung, Napoleon lasse sich aufhalten. Die Flchtlinge nahmen mit, so viel sie tragen konnten, Kirchengerte, Bcher und Kunstwerke. Heute gibt es das Ospizio di San Nicol in Padua zwar nicht mehr, doch ist das Herbarium als stummer Zeuge jener Ereignisse, zusammen mit anderen mehr oder weniger prachtvollen venezianischen Kunstwerken im Kirchenschatz von Rovigno, durch viele Hnde in perfektem Zustand auf Bruder Job gekommen. Noch ein zweiter Band erregt die Aufmerksamkeit, ein hochinteressantes Erbario marino, das 1887 von Bruder Antonio Zaratin zusammengetragen wurde und die Pflanzen der Gegend um Rovigno beschreibt. Diese Herbarien hatten die Funktion eines Bestimmungsbuchs fr die Heilpflanzen, die bei der Behandlung in der Krankenstube verwendet wurden. Kein gedrucktes Buch knnte prziser sein. Heilkruterkuren und die Verwendung von Pflanzen zur Gewinnung mehr oder weniger medizinischen Zwecken dienender Sfte und Likre gehrten seit je zu den leidenschaftlichen Bettigungen der Mnche, wodurch diese Verfahren berhaupt nur auf uns kommen konnten. Die Franziskaner zum Beispiel beschftigen sich seit der Grndung ihres Ordens mit Heilkrutersuden, und einer der ersten Gefhrten des heiligen Franz war der Alchimist Elia da Cortona, der sein Wissen an die Brder weitergab; manchmal aber blieb es nicht eingeschlossen hinter den Klostermauern.

Das gilt zum Beispiel fr den Maraschino, der bereits seit dem 16. Jahrhundert von den Dominikanern in Zara (Zadar) und spter von verschiedenen Brennereien wie Maraska und Luxardo hergestellt wurde. In diesem Zusammenhang darf der Orahovac nicht vergessen werden, der dem venezianischen Nusslikr entspricht; vor vielen Jahren schenkte mir ein Benediktiner einmal eine Flasche davon aus der Klosterproduktion und erklrte mir stolz, das Rezept habe man im 15. Jahrhunderten den Franziskanern abgeluchst. Ich frage mich, ob es wohl einen Zusammenhang zwischen den Franziskanern, die seit 1696 in Rovigno ansssig sind, und der unbersehbaren Kultur der Kruterzucht und Likrgewinnung in der Gegend gibt. Wer von den Bergen hinunter nach Rovigno ans Meer fhrt, wird von einer malerischen Abfolge von Stnden empfangen, die mit Krutern oder Obst versetzte Brnde verkaufen. In der herrlichen Altstadt der Perle Istriens stellt eine Brennerei einen charakteristischen Kruterlikr her, der von Liebhabern sehr geschtzt wird: den Pelinkovac, einen brunlichen Bitter aus dem Sud einer Vielzahl von Gewrz- und Heilkrutern genau 53 sind es, aus denen die intensive bittere Artemisia Absinthium hervorsticht, Wermut. In der gleichen Tradition steht auch der Travarica, ein Tresterschnaps, der mit einigen istrischen Krutern versetzt wird, die ihm eine leicht gelb-grnliche Frbung geben: Salbei, Melisse und wieder Wermut. Wermut, der Liebling der Pariser Poets maudits, ist neben weiteren 19 Krutern auch im Vlahovac, enthalten, einem als Aperitif getrunkenen Bitter. Ein jeder dieser zauberhaften Likre versucht, die unvergleichlichen Dfte der istrischen Kruter und ihre geheimen Energien einzufangen. Je mehr diese Pflnzchen nmlich unter Wasser- und manchmal sogar Erdmangel leiden, um so mehr reagieren sie und geben Aromen frei, die nur hier derart intensiv sein knnen. Unter der unbarmherzig brennenden istrischen Sonne ist ihr Saft schon fr sich genommen ein Destillat.


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