Robert Koch
Relevant Non-Istrians

 

Malaria: Robert Koch auf Brioni
Mülder, Karsten

Deutsches Ärzteblatt 98, Ausgabe 48 vom 30.11.2001, Seite A-3219 / B-2724 / C-2531
VARIA: Geschichte der Medizin

Der Wiener Bildhauer Josef Engelhart schuf ein Denkmal, das Robert Koch gewidmet ist.
Foto: Karsten Mülder

Es gelang mithilfe von Chinin und der Trockenlegung der Sümpfe, die Insel von der Krankheit zu befreien.

Vor der Küste Istriens in der nordöstlichen Adria liegt die Gruppe der Brioni-Inseln, die zum heutigen Kroatien gehören. Die Inseln gehörten im ausgehenden 19. Jahrhundert zum Habsburgischen Reich und waren 1883 vom Österreicher Paul Kupelwieser als Privatbesitz gekauft worden. Kupelwieser hatte zuvor als Industriemanager und Aktionär ein Vermögen erworben. Er war über die österreichische Verwaltung der Adriagebiete entsetzt und suchte nach einer Möglichkeit, „. . . den Nachweis zu liefern, dass dort anderes und viel Besseres zu schaffen wäre, als es da derzeit der Fall war“. Besseres – das sollte ein luxuriöser Ferienort auf der Hauptinsel sein, von dem er eine ordentliche Rendite erwartete.

Zu diesem Zeitpunkt war Brioni wegen der Malaria praktisch entvölkert, was der stolze Neu-Besitzer zwar gewusst zu haben scheint, die den Inseln innewohnende Gefahr aber für übertrieben hielt. So infizierte er sich bereits bei der Erstbesichtigung und entging nach eigenen Angaben dem Tod nur knapp. Seine Vorhaben auf Brioni litten in der Folgezeit unter der Malaria, je mehr Menschen er zur Arbeit auf die Inseln holte. Er hörte schließlich, dass Robert Koch in der Umgebung Roms Studien zur Malaria vorgenommen hatte. Kupelwieser traute den österreichischen Tropenmedizinern in Wien nicht und bat daher Koch um Hilfe, wobei er seine Inseln als Forschungsobjekt vorschlug.

Als Kupelwieser nach Berlin schrieb, war der preußische Geheimrat Koch bereits weltberühmt. Zwar hatte nicht er den Erreger der Malaria gefunden (das war 1880 Laveran), man hatte ihn aber nach Deutsch-Ostafrika entsandt, um in Dar-es-Salaam den komplexen Entwicklungszyklus der Plasmodien und ihren Wechsel zwischen Anopheles-Mücke und Mensch zu studieren. In der Folge wurde Koch vom Deutschen Reich mit der Malariabekämpfung in Deutschland und in den Kolonien beauftragt. Der Schwerpunkt dieser Arbeit lag zwar in den Tropen, doch gab es noch bis 1902 in Deutschland eingeschleppte Epidemien.

Instinktiv scheint Kupelwieser erkannt zu haben, dass ein abgeschlossenes geographisches Gebiet wie eine Inselgruppe einmalige epidemiologische Forschungsbedingungen bieten kann. Koch seinerseits muss von der Einladung wie elektrisiert gewesen sein, lag er doch in heftiger wissenschaftlicher Fehde mit seinem englischen Konkurrenten Ross über die Bekämpfung der Malaria. Ross, der später den Entwickungszyklus der Plasmodien endgültig klären konnte, sah die Lösung in der Ausrottung der Mücke. Koch hielt das für Unsinn und propagierte demgegenüber die „vollständige Chininisierung“ einer erkrankten Bevölkerung. Er ergriff sofort die Gelegenheit, seine These auf Brioni überprüfen.

Bereits acht Tage nach Absenden des Schreibens Kupelwiesers trafen zwei Assistenten Kochs, Prof. Dr. med. Paul Frosch und Dr. med. Elsner, bei ihm ein, um die Angaben des Inselbesitzers zu überprüfen. Mit dem unbekümmerten Forschungsdrang der damaligen Zeit diagnostizierten die beiden Ärzte bereits beim Anlanden im Hafen Brionis eine Malaria beim Kellner des dortigen kleinen Hotels. Zum Abendessen lagen das Ergebnis des „dicken Tropfens“ des Kellners ebenso vor wie Quetschpräparate diverser Moskitos. Es stand fest, dass Kupelwiesers Angaben zur Malaria stimmten.

Die Ergebnisse wurden an Koch telegraphiert, der eine weitere Woche später persönlich nach Brioni kam. Nach einer ersten, fast vollständigen Durchuntersuchung aller 300 Einwohner schlug Koch seinem Gastgeber Kupelwieser ein medizinisches Experiment vor. Koch ging davon aus, dass Brioni malariafrei gemacht werden könnte, wenn es gelänge, in der kühleren Jahreszeit alle Kranken mit Chinin zu behandeln. Bei Wiedererwärmung im Frühjahr und nach Ausschlüpfen der Mückenlarven müsste die Malaria verschwunden sein, da die Mücken aus dem menschlichen Blut keine Parasiten mehr würden aufnehmen können. Die Bedingung Kochs war, dass keine Anstrengungen gemacht würden, die Mückenbrutstätten selber zu bekämpfen, denn er wünschte keine verfälschenden Variablen in seinem Experiment. Kupelwieser nahm Kochs Vorschlag an, wobei die Durchführung des Experiments Prof. Frosch übertragen wurde.

Der Erfolg war durchschlagend: Bereits im ersten Folgejahr gab es nur noch einen einzigen Fall von Malaria auf den Inseln. Bei vollständigem Fehlen neuer Erkrankungsfälle (Rezidive gab es schon einige) willigte Koch zwei Jahre später in die Trockenlegung der Sümpfe ein, in denen die Mückenlarven schlüpften. Er hat Brioni später noch einmal besucht und benutzte die Inselgruppe als Ausbildungsstätte für viele Ärzte, die in die deutschen Kolonien entsandt wurden.

Voller Dankbarkeit ließ Kupelwieser Koch in einem aufgelassenen Steinbruch aus römischer Zeit ein Denkmal setzen. Vom Wiener Bildhauer Josef Engelhart geschaffen, zeigt es in der ikonographischen Sprache der damaligen Zeit die Herme Robert Kochs, der von einer Jungfrau „Brioni“ einen Lorbeerkranz aufgesetzt bekommt. Die Inschrift lautet: „Dem großen Forscher, dem Befreier der Insel von der Malaria, Dr. Robert Koch, Annis 1900–1901.“ Dr. med. Karsten Mülder

Literatur beim Verfasser

Source:

  • http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=29677

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Created: Wednesday, August 01, 2007; Last Updated: Tuesday, August 07, 2007
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