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Fig. 69. Cherso.

Fig. 70. Veglia-Mädchen.

Fig. 71. Veglia-Frau.

Zur Ethnographie Istriens.

Von Josef Stradner, Graz. (Mit 15 Abbildungen.)

[Verein für Österreichische Volkskunde in Wien, Zeitschrift für österreichische Volkskunde: organ des Vereins für Österreichische Volkskunde in Wien, Volume 3, F. Tempsky, 1897, I. Abhandlungen - p. 97-111. Google books.]

Die kleine Halbinsel, welche den Golf von Triest von dem stürmischen Quarnero scheidet, ist nicht arm an Culturdenkmälern aller Zeiten. In Stein gemeißelt steht noch der Marcuslöwe über allen Stadtthoren, Loggien und Communalpalästen; in den Kirchen von Triest, Muggia vecchia, Parenzo und Pola findet der Kunsthistoriker byzantische, longobardische und altchristliche Bauformen und der Geschichtsforscher den Beweis, dass während des ganzen Mittelalters Gemeinsinn und bürgerlicher Wohlstand in den Städten herrschte; die Grundmauern des Thurmes von S. Giusto in Triest, die Tempel des Mars und des Neptun in Parenzo, der Augustus-Tempel, die Porta aurea und das Amphitheater in Pola sind bewunderungswürdige Belege für die hohe Blüte der römischen Municipien.

Aber noch viel weiter zurück reichen die Denkmäler menschlicher Cultur in Istrien. Auf hundert Bergkuppen zeugen die Stein wälle der Castellieri, angefüllt mit. Topfscherben und schwarzem Moder, von der vorgeschichtlichen Bevölkerung des Landes; Schmuck und Geräth aus den Gräbern von den Pizzughi und Vermo, in Form und Zier so ähnlich den Funden von Este, Bologna und Maria Rast in Steiermark, beweisen, dass Istrien damals gegen die Cultur der Nachbarländer nicht zurückstand.

Wes Stammes aber waren diese ältesten Bewohner Istriens und aus welchen Elementen ist die heutige Bevölkerung des Landes zusammengesetzt?

So schwierig namentlich die Beantwortung der ersten Frage ist, so interessant und lohnend gestaltet sich die ethnologische Forschung gerade in einem Lande, in welchem das, was Dr. M. Hoernes über die prähistorischen Funde in Bosnien sagt, ebenfalls Anwendung findet: «Kein Anzeichen führt darauf, dass vor dem Volke, welches uns diese Werke hinterlassen, ein anderer Menschenstamm in diesen Gegenden Fuß gefasst habe. Was wir in der Prähistorie unserer Heimat schmerzlich vermissen, ist hier gegeben. Wir können ein europäisches Urvolk in seiner Entwicklung durch eine Reihe von Culturstadien, die den unsrigen ähnlich sind, verfolgen.»

Diese prähistorischen Funde wissen uns schon heute — und noch steht die vorgeschichtliche Wissenschaft erst im Beginne ihrer Entwicklung — mehr über die Aboriginer am Nordrande der Adria zu sagen, als die zeitgenössischen Geographen Alexandriens, welchen die Unsicherheit des Meeres wehrte, den Kreis mythischer Vorstellungen durch Forschungsreisen zu durchbrechen. Man glaubte damals mit Appollonius, einem Bearbeiter der Argonautensage, dass der Nengon, heute Quieto genannt, einen [98] Arm des Ister (der Donau) bilde, weil fürs Erste der Zug der Argonauten vom Schwarzen Meere die Donau herauf bis in die Adria nur auf diese Art erklärbar schien, und weil fürs Zweite schon der Name der Halbinsel auf irgend eine Verbindung mit dem Ister hinwies.

In der That besteht eine solche Verbindung, aber sie ist keine geographische, sondern eine ethnographische. Griechische und römische Schriftsteller bezeichnen die Istrer bald als Thraker, bald als Abkömmlinge der Kolcher, bald als Illyrier, aber alle lassen sie von den Küsten des Schwarzen Meeres ins Land kommen. Und bis in die neue Zeit haben alle Historiker, so sehr sie im Übrigen bezüglich der ethnographischen Bezeichnung des istrischen Volkes von einander abweichen, an dieser Urheimat festgehalten. Combi hält die Pelasger für die gemeinsamen Stammväter der Veneter und der Istrer; letztere wohnten mit Joniern vermengt an den Mündungen des Ister, wo auch eine Stadt Istria existierte. Für die Verwandtschaft mit den Kolchern macht Emilio Frauer den semitischen Klang vieler istrischer Ortsnamen geltend, während Pervanoglù die Spuren einer gleichzeitigen directen Einwanderung aus Griechenland längs der adriatischen Ostküste herauf verfolgte. Tedeschi und Morteani zählen die Aboriginer dem thrakischen Stamme der Veneter zu. Kelten, speciell die Stämme der Subocriner und Secusser, kommen im fünften Jahrh. v. Ch. ins Land und unterwerfen das Volk.

Hoernes nennt die Bewohner der Landschaften an der Adria und am westlichen Balkan Illyrier; deren ethnographische Stellung werde durch die Sprache der Albanesen, ihrer Abkömmlinge, gekennzeichnet. Keine Anzeichen führen nach Hoernes darauf, dass vor den Illyriern ein anderer Stamm in diesen Gegenden Fuß gefasst habe, und wenn wir nicht irren, so zählt er die Veneter und die Istrer ausdrücklich zu den Illyriern. Dr. Bidermann («Die Romanen») hinwiederum vertritt unter Hinweisung auf Dialekteigenthümlichkeit, Physiognomie und Volkscharakter die Annahme, dass die Istrer zu den Kelto-Liguriern gehören, das heißt, dass Istrien eine keltische, mit Liguriern vermischte Bevölkerung besaß.

Außer den Castelläeri, deren Bau man den Kelten zuschreibt, den keltisch, semitisch oder venetisch klingenden Ortsnamen und den bereits erwähnten Ausgrabungen findet man in Istrien aber auch noch lebendige Zeugen seiner vorgeschichtlichen Epoche in den ladinischen Elementen, welche die italienische Sprache der heutigen Istrianer durchsetzen, ja sogar in einem slawischen Idiom, jenem der Fučki im Bezirke Pinguente, hervortreten. Deren Aussprache lässt, wie Morteani beobachtet hat, das französische U vernehmen. Darauf stützt der Genannte die Vermuthung, dass die eingewanderten Slawen hier noch keltische Urbewohner vom Stamme der Secussen oder Fecussen antrafen, sich mit diesen vermischten und von diesen nicht nur die Eigenthümlichkeit der Sprachbildung, sondern auch den Namen erbten, welcher sich aus Fecussen in Fučki umgestaltete.

Die geschriebene Geschichte Istriens setzt mit dem Zeitpunkte ein, in welchem Rom als Bollwerk gegen die unruhigen Nachbarn im Nordosten Aquileja erbaute. Römische Heere dringen ins Land, König Epulus [99] wird in mehreren Schlachten geschlagen und gibt sich in seiner brennenden Hauptstadt Nesactium den Tod. So kam Istrien im Jahre 178 v. Ch. unter römische Herrschaft. Parenzo, Egyda (Capodistria), Pola, Aemona (Cittanova), Piguentum, Albona wurden Militärcolonien, und die lateinische Cultur verbreitete sich durch das ganze Land. Damit begann für Istrien das glückliche Jahrtausend, dessen Ausgang mit dem Ende der byzantinischen Herrschaft zusammenfällt. Dieser Zeitraum umfasst die Blüte der istrischen Städte, die Entwicklung des municipalen Geistes, die Entfaltung einer provinciellen von Rom und Byzanz belebten Kunst, die Verbreitung von Wohlstand und Gesittung. Italische Händler und Colonen, welche in großer Zahl ins Land kamen, beschleunigten dessen Romanisierung. Die Urbewohner gierigen in die neue Bevölkerung auf, wie das zahlreiche römische Grabschriften beweisen, welche, wie Benussi feststellte, keltische Familennamen enthalten.

Es entspricht nun dem natürlichen Gange der Dinge, dass auf dem thrakisch-keltischen Boden unter dem Einflüsse der römischen Cultur sich ein ähnlicher nationaler Entwicklungsprocess vollzog, wie auf der italischen Halbinsel, dass also auch hier selbständig aus der Lingua vulgara rustica die italienische Sprache sich bildete und dass auf der durch die Vermengung der Urbewohner mit den römischen Colonisten hergestellten ethnischen Basis ein italienisches Volk entstand. In Dignano, Fasana, Gallesano, Rovigno und Valle weist der Dialekt zahlreiche auf die selbständige, ununterbrochene Abstammung von der römischen Volkssprache zurückzuführende Eigenthümlichkeiten auf, und auch auf der Insel Veglia sprach man bis zum Anfang dieses Jahrhunderts eine italienische Mundart mit der Zunge der keltischen Urbewohner.

Diese bodenständigen Italiener Istriens bilden jedoch nur eine einzelne Gruppe in dem heutigen ethnographischen Bilde dieses Ländchens. Kriege und Seuchen haben die Bevölkerung wiederholt decimirt und neuen Ansiedlern Raum geschaffen, die von Westen, Osten und Süden ins Land kamen. Toskaner, Chioggiotten, Flüchtlinge aus Grado und Aquileia vermehrten die italienische Bevölkerung in Triest, Cittanova, Ossero, Parenzo, Pola, Rovigno, Umago, Valle und Pirano; Glaser, Schlosser, Schmiede, Steinmetze und Weber — die sogenannten Cargnelli — kamen nach dem Zeugnisse des Bischofs Tomasini von Cittanova, der um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts eine Beschreibung seines Heimatlandes verfasste, aus dem Friaulischen und Karnien und machten sich in zahlreichen Dörfern und Flecken sesshaft; friaulisch war bis vor einem Jahrhundert die Mundart in Triest und Muggia, und als das Marcusbanner über den Häfen der istrischen Städte flatterte, siedelte sich auch mancher Venetianer im Lande an. So ist dann der bodenständigen Italianität Istriens ein oder das andere verwandte Reis aufgepfropft worden, und so sind durch die örtlich verschiedene Intensität des römischen Einflusses auf die Autochthonen einerseits und durch die Manigfaltigkeit des fremden Zuzuges jene zahlreichen italienischen Mundarten in Istrien entstanden, über welche Näheres bei Schuchardt, Ive und Ascoli nachgelesen werden möge.

Fig. 67. Kroate

[100] Über die gegenwärtige Verbreitung des italienischen Elements in Istrien schreibt Czornig jun: «Gegenwärtig kann man als Schema annehmen, dass Italienisch die Sprache aller bedeutenden Städte wie Capodistria, Pirano, Buje, Pinguente, 23, Parenzo, Rovigno, Dignano und Pola ist. Von da aus haben sich die Bewohner auf das flache Land verbreitet, zuweilen auch, wie zwischen Dignano und Pola, die slawische Bevölkerung italianisiert, und so die von ihnen besiedelten Territorien verbindend, einen ziemlich compacten Streifen mit überwiegend italienisch sprechender Bevölkerung bedeckt. Dieser Streifen folgt der Nord und der Westküste der Halbinsel, in deren Centrum einen Keil in die Bezirke Montona und Pinguente vorschiebend. Die Städtchen Albona und Veglia haben gleichfalls eine überwiegend italienische Bevölkerung, letzteres gehört sogar fast ganz diesem Sprachstamme an; doch haben in Albona nur wenig bedeutende, in Veglia aber gar keine Ausstrahlungen des städtischen Elementes auf das Land stattgefunden. Mitterburg-Pisino, dann jene Orte der Ostküste und der Quarnerischen Inseln, deren Bevölkerung die weite Seefahrt betreibt (Volosca, Lovrana, Cherso und die beiden Lussin) enthalten neben der serbokroatischen Mehrheit der Bevölkerung auch mehr oder weniger zahlreiche italienisch sprechende Minoritäten; in Lussinpiccolo überwiegt sogar diese Umgangssprache um ein Geringes.»

Zu Beginn des siebenten Jahrhunderts kamen die ersten Slawen nach lstrien; aber noch bis zum Ende dieses Saeculums bewahrte sich das Land in allen Theilen seinen romanischen Charakter. Die Einwanderung nahm indessen immer größere Dimensionen an, und der Protest, den die istrischen Städte auf dem Landtage am Flusse Risano im Jahre 804 gegen die neuen Ansiedler erhoben, hatte nur vorübergehende Wirkung. Vom 9. bis zum 15. Jahrhunderte gehört schon ein Sechstel der gesammten Landesbevölkerung dem slawischen Stamme an.

Die größte ethnographische Veränderung bewirkte, wie Benussi nachweist, der Übergang der Grafschaft lstrien in den Besitz der Görzer Grafen und dann in jenen des Hauses Habsburg. Denn durch seine Vereinigung mit Krain wurde das Land ganz der slowenischen Einwanderung preisgegeben und namentlich die deutschen Feudalherren im Inneren des Landes ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, die Zahl ihrer «Unter-thanen» durch die überdies gefügigen Slowenen zu vermehren. Die Italiener zogen sich immer mehr in die Städte zurück, das Binnenland den neuen Siedlern überlassend. Dadurch erklärt sich das Überwiegen italienischer Ortsnamen in den heute von Slawen bewohnten Gegenden. Die ältesten slowenischen Einwanderer sind die Savriner, welche vielleicht ihren früheren Sitz an der Save hatten. Durch den fränkischen Statthalter wurden sie mit Rücksicht auf den Protest der istrischen Städte auf den Karst verwiesen; sie drangen aber später wieder vor, und heute beginnen ihre Dörfer unmittelbar vor den Mauern von Triest und ziehen sich längs der Küste bis Salvore. Später erhielten sie neuen Zuzug, der jedoch einen abgesonderten Stamm bildete, den man Verchini nennt.

[101] Die Tracht der Istrischen Slowenen besteht in einer kurzen, weiten oder an den Knien schließenden Hose und einer kurzen Jacke, weißen Strümpfen und Halbschuhen. Als Kopfbedeckung dient ein niederer Hut oder eine Kappe ohne Schild. Manchmal lässt sich in Triest noch ein alter Bauer mit dem Caregon sehen, einer lehnsesselförmigen Pelzmütze, die früher allgemein getragen wurde und sich vom Großvater auf den Enkel vererbte. Obwohl die Savriner schon längst ansässige Ackerbauer sind, so werden sie in Triest und Capodistria noch immer Mandrieri, Hirten, genannt. Die Weiber, die man Breschizzen nennt, kommen von weit und breit als Verkäuferinnen nach Triest. Weißes Brot, das sie selbst backen, Blumen, Milch, Gemüse sind die Gegenstände, die sie feilbieten. Ihre Tracht ist nicht ungefällig. Sie besteht aus einem großen, weissen, hinten in einen kunstvollen Krroten geschlungenen Kopftuche, einem weißen oder bunten Busentuche, einem dunkel bedruckten Kattunrocke, einem eigenthümlich geschnittenen Überwurf und zierlichen Schuhen. Ein großer, gestreifter, leinener Doppelsack, den sie über den Arm oder über die Schulter wirft, ist das besondere Merkmal der Breschizza.

Die Südgrenze der slowenischen Ansiedlung bildet der Dragognafluss bis nahe an seinenUrsprung hinauf und von hier eine querüber den Tschitschenboden südlich an Castelnuovo vorbei bis an den Südabhang des Krainer Schneeberges sich hinschlängclnde Linie. Jenseits dieser Grenze scheinen sich alle südslawischen Stämme ein Stelldichein gegeben zu haben. Da wohnen in kleinen Dörfern oder verstreuten Häusern Serben, Kroaten, Montenegriner, Albanesen vermengt mit romanischen Familien, die mit ihnen aus der Türkei geflüchtet waren, und mit Ansiedlern aus Morea, aus Candia, aus Cypern und von anderen griechischen Inseln. Das bildet zusammen ein so vielfältiges und ungeordnetes Conglomerat verschiedener Rassen und Stämme, dass mehr als zweihundert Jahre nach seiner Einwanderung, bei der amtlichen Volkszählung von 1880, man diesen vornehmlich siidseitig von Quieto noch bestehenden Hibridismus — wie Benussi sich ausdrückt — nicht anders zu bezeichnen wusste, als mit dem Namen Serbokroaten, welcher bei den bekannten Antagonismus zwischen den beiden großen südslawischen Stämmen sich gerade so gut ausnimmt, wie etwa die Bezeichnung Rutenopolen oder Borusso-Bajuvaren. Übrigens ist, während noch vor vierzig Jahren Coiz in der «Porta Orientale» alle Slawen südlich des Quieto als Serben bezeichnen konnte, heute die gänzliche Kroatisierung dieses Völkerconglomerates nurmehr eine Frage der Zeit und an vielen Orten bereits vollzogen.

Fig. 68. Morlakin (Visinada)

 

 

Im gewöhnlichen Leben wird der größte Theil dieser «Serbokroaten» als Morlaken bezeichnet. Darunter verstand man im fünfzehnten Jahrhundert jene Rumänen oder Slawen oder jenes Mischvolk von Beiden, welches in den Grenzbezirken der Türkei wohnte und von dort gegen die [102] Adria floh. Auch Wallachen wurden sie genannt und bei den Türken hießen sie Karavlassi (Schwarzwallachen). Giuseppe Vassilich hält gleichwie Engel («Allg. Welthistorie») die Morlaken für kroatisierte Avaren, sich hiebei auf eine Stelle des Porphyrogenetus berufend, To masin wieder sagt, die Morlaken seien «eigentlich» serbischen Ursprungs; sie gleichen den Serben in Bosnien und in der Herzegowina. Neigebaur widmet den Morlaken ein eigenes Capitel seines Buches über die Südslawen, aber man erfährt daraus nicht, was eigentlich ein Morlak ist. Er sagt, die Südslawen Dalmatiens werden im allgemeinen Morlaken genannt und im Slawischen heißen sie Vlachi oder Walachen. (Bekanntlich geben die Deutschen hinwiederum den Rumänen diese Bezeichnung!) Es sind aber, sagt Neigebaur, die Morlaken in Dalmatien von den anderen Slawen durch nichts als durch ihre Kleidung unterschieden. Der in der Stadt wohnende Slawe würde es übel nehmen, wenn er Morlak genannt würde. Es sei schwer, die geographische Verbreitung der Morlaken festzustellen; Manche beschränken die «ursprünglichen? Morlaken nur auf die Küste am Canal della Morlacca und leiten den Namen von Moor-Vlachi, Meerwallachen, ab.

Die Acten des venezianischen Senats enthalten zahlreiche Belege über die Besiedelung Inneristriens mit diesen Morlaken. Zuerst kamen sie nach S. Giovanni di Sterna und in die Gegend von Pola, im Jahre 1500 in das Territorium von Montona, 1517 in das Triester Gebiet, 1525 auf den Agro Rovignese und nach Villanova bei Parenzo, 1540 und später in die Gegenden von Cittanova, Buje, Umago, Parenzo, Montona und Pinguente, 1558 nach S. Lorenzo al Leme und Torre del Quieto, 1581 nach Promontore, 1595 nach Fontane, 1635 nach Filippano bei Dignano, 1647 nach Altura und anderen Orten im Gebiete von Pola u. s. w.

Die Morlaken tragen lange, enge Hosen aus weißem Loden, Opanken, eine naturbraune Schafwolljacke und die schwarze serbische Mütze. Die Weiber tragen den Rock und einen kuttenähnlichen Überrock ebenfalls aus naturbrauner Wolle. Der Schmuck bunter Tüchlein und Bänder, den die heiteren Sloweninnen lieb'en, ist der Morlakin fremd, wie Singen und Lachen. Sie ist das Lastthier des Mannes und gleicht auch mit ihrer stumpfen, stoischen Ruhe und ihrer graubraunen haarigen Hülle dem langohrigen Schicksalsgenossen, dem man übrigens im südlichen Istrien und in Liburnieri nur selten begegnet Wer wird sich einen Esel halten, wenn er ein Weib hat!

Auch Uskoken gibt es in Istrien. Die Bedeutung dieses Namens ist ebenso unklar und schwankend, wie jener der Morlaken. Tomasin meint, die Uskoken seien wallachischen Ursprungs — in dem ethnologischen Dunkel, das die Wallachen umgibt, sind wir da gerade so klug wie zuvor — aber, sagt er, in Sprache und Sitten sind sie sonst den Kroaten verwandt. Sie waren erbitterte Feinde des Islam und hatten sich vor den Türken nach Ungarn, Krain und Istrien geflüchtet. Der geschätzte dalmatinische Topograph Petter hilft uns auch nicht aus der Verlegenheit. Nach seiner Meinung waren die Uskoken ursprünglich — Morlaken (was die [103] Morlaken sind, sagt er uns aber nicht!), Morlaken, welche das türkische Joch abschüttelten und auswanderten.

Weder Morlak noch Uskok sind, wie wir sehen, ethnographische Bezeichnungen, sondern beide Worte bedeuten eigentlich dasselbe: einen Flüchtling. Der Unterschied zwischen Beiden, als sie sich vom türkischen Joche befreiten, mag nur der gewesen sein, dass der Morlak durch eine lange Reihe von Jahren den venezianischen Proveditori und Capitani Anlass zu fortgesetzten Klagen über seine kleinen Räubereien gab, während der Uskok sich mit Kleinigkeiten nicht abgab und es seinetwegen sogar zum Kriege zwischen Osterreich und Venedig kam. Die Uskoken stellten sich unter den Schutz Österreichs, welches sie in Zengg ansiedelte und ihnen eine ähnliche Aufgabe zutheilte, wie sie später die Militärgrenze zu erfüllen hatte. Aber der Kampf gegen den Türken befriedigte nicht ihre Beutelust, sie fielen auch venezianische Schiffe und istrische Städte an, und schließlich war kein Schiff auf der Adria vor diesen frechen Seeräubern sicher, bis der Frieden von Madrid im Jahre 1617 Österreich die Verpflichtung auferlegte, diesen sauberen Patrioten das Handwerk zu legen und sie von der Küste zu entfernen. Ein großer Theil von ihnen wurde in die Nähe von Karlstadt an der Kulpa verpflanzt, und eine Anzahl von Uskokenfamilien siedelte sich in Istrien an u. zw. in Altura, Antignana, Kaiserfeld, Cavrano, Kršikla, Corridico, Dolenjavas, Gimino, Gorenjavas, Leziäcine, Pedena, S. Pietro in Selve, Pisino, Roveria und Semiö. In Istrien aber blühte das Räuberwesen, wie aus dem Berichte des Staatsrathes Bargnani an den Vicekönig von Italien hervorgeht, noch im Anfange dieses Jahrhunderts. Insbesondere waren es die Morlaken und die Albanesen, welche er als arge Felddiebe und Räuber bezeichnete.vollen Platz neben den diebischen Morlaken angewiesen erhielten, sind aber nicht so zahlreich im Lande, um in der Völkermischung eine Rolle zu spielen. Über Einladung der venezianischen Regierung siedelten sich albanesische Familien aus der Zeta im Jahre 1595 in Fontane und solche aus Scutari im Jahre 1611 in Monghebbo am Quieto an. Ihren nationalen Charakter haben sie längst verloren. Sie zeichnen sich nur durch ihren schönen Körperbau vor den Slawen aus.

Dagegen haben die Bocchesen, welche seit 1658 in Peroi wohnen, ihren ursprünglichen Charakter bewahrt. Die Leute sind arbeitsam und erfreuen sich bei ihrer Genügsamkeit eines bescheidenen Wohlstandes.

[104] Verbrechen sind in ihrem Dorfe eine Seltenheit. Bei diesem Anlasse sei übrigens constatiert, dass in ganz Istrien seit zwanzig Jahren, Dank unserer braven Gensdarmerie, die öffentliche Sicherheit keine geringere ist, als in irgend einer anderen österreichischen Provinz. Ich habe das Land bis in die entlegensten Winkel durchwandert, ohne jemals eine Behelligung zu erfahren.

Jenseits der Arsa, im liburnischen Theile Istriens, wohnen seit dem neunten Jahrhunderte reine Kroaten, welche das Land mit bewaffneter Hand occupiert haben und auf welche die Bezeichnung Morlak keine Anwendung findet. Auch im Bezirke Pola und Parenzo kommen geschlossene Absiedlungen von Kroaten vor, welche die Schriftsprache (Stokavština) gebrauchen.

Die Quarnerischen Inseln waren bereits im Jahre 839, als der Friede zwischen dem Dogen Pietro Tradonico und dem Kroatenban Miroslav zu S. Martino auf der Insel Cherso abgeschlossen wurde, von Kroaten besetzt, doch hatten sich in den Städten Veglia und Ossero romanische Überreste erhalten.

Fig. 72. Veglia
 
Fig. 73. Kroate.

Die Tracht der Kroaten in Istrien stimmt, wie bereits erwähnt wesentlich mit jener der Morlaken überein. Eine Ausnahme bilden nur die Inseln und das Gebiet von Albona. Die Bewohner von Veglia kleiden sich in Schwarz. Die Männer tragen lange, weite Hosen von türkischem Schnitt, eine schwarze Tuchjacke, die im Sommer durch eine weiße Leinenjacke ersetzt wird. Den Kopf bedecken sie mit einem breiten Hute oder mit einer Mütze, jener ähnlich, welche die italienischen Soldaten tragen Die Weiber sind mit kurzen, schwarzen Rocke bekleidet, unter welchem das schneeweiße Hemd unten mehr als handbreit vorsteht. Ein [105] rothes, weit ausgeschnittenes Mieder, mit bunten Bändern geziert, umschließt den nur mit dem Hemde bedeckten Oberkörper, den Hals schmückt eine goldene Kette mit großer perlenbesetzter Schließe, goldene Ohrringe hängen bis an die Schultern herab, und durch die Zöpfe ist ein schwarzes oder weißes Tuch zierlich geschlungen.

Leider sind mir vom Hochland von Albona keine Trachtenbilder zur Hand. Ich hatte auf einer meiner Reisen das Glück, an einem Feiertage die Landleute der Umgebung vor der venezianischen Loggia auf dem Hauptplatze der Stadt versammelt zu treffen. Gar stolz und prächtig sahen die Mädchen und die Burschen in ihren Festgewändern aus. Die Männer tragen schwarze Lodenhosen, die etwa eine Handbreit über das Knie herabgehen, weiße Wollstrümpfe und schwarze Lederschuhe. Den Leib umschließt ein rother Wollgürtel. Die kurze, schwarze Jacke ist vorne offen und zeigt die buntseidenen Brustlappen und die goldenen Knöpfe eines Gilets, das in seinem Schnitte an die Tracht der Incroyables der Pariser Revolution gemahnt. Die pechschwarzen Locken quellen unter einer kecken, corevisarti-gen Rothkappe hervor, an deren Stelle man auch die Pelzmütze oder einen Filzhut antrifft. Die Gigerl von Albona tragen violette Filzhüte. Die Weiber befestigen ihre langen, schwarzen oder braunen Wollröcke ebenfalls mit einem rothen Gürtel über den Hüften; darüber tragen sie aus dem gleichen Stoffe eine nicht bis zur Taille herabreichende Jacke, Kopftuch, Busentuch und Schürze sind aus Seide, grellfarbig uud bunt wie die bekannten türkischen Schärpen. Die auf [Roth oder Gelb gestimmte Farbenharmonie passt vortrefflich zu dem dunklen Teint. Den Hals umschlingt eine goldene Kette mit schwerer Schließe und von den Ohren hängen große mit Korallen besetzte Ringe herab. Auch jeder Bursche trägt einen Ring mit einer rothen Koralle im linken Ohr. Die Weiber, die man hier besser zu behandeln scheint, als in anderen südslawischen Gegenden, sind wohlgebaut, anmuthig in ihren Bewegungen und von heiterem lebhaften Wesen, die Männer schlank und behend; [106] Stradner.

Stolz und kecker Muth blitzt aus ihren Augen. Es steckt etwas von spanischer Grandezza in den Bewohnern des Agro Albonese.

Fig. 74. Kroaten.
 
Jene Slawengruppe, welche zwischen dem Dragogna-Fluße und Parenzo wohnt, ist noch nicht erwähnt worden. Da findet man slowenischkroatische Mischlinge, welche im 13. Jahrhundert aus der windischen Mark gekommen sein dürften, und in den Thälern des Bezirkes Pinguente die bereits erwähnten Fucki, welche kurze weite Hosen tragen, die an den Knien offen bleiben, Lederschuhe, weiße Strümpfe und einen kleinen Hut oder eine weiße Mütze. Im unteren Quietothale wohnen italianisierte Slowenen, wrelche das Schiavetto sprechen, eine Mischung von italienischen und slawischen Wörtern, und die mit ihren Kniehosen, Strümpfen und Schnallenschuhen an die Mode in der Zeit Goldoni's erinnern. Weiter südlich wohnen Kroaten, welche wegen ihrer verdorbenen, mit italienischen Wörtern vermengten Sprache von ihren slawischen Nachbarn Bezjaken (Tölpel) genannt werden. Nun kommen wir zu demjenigen Bevölkerungselement in Istrien, welches dem Ethnographen die meisten Schwierigkeiten bereitet. Das sind die Rumänen und Tschitschen. Woher die Rumänen gekommen sind, weiß man nicht genau, und über die ethnologische Stellung der Tschitschen ist man vollends im Unklaren. Und um die Frage noch mehr zu verwirren, tritt der Umstand hinzu, dass es unter den istri-schen Rumänen solche gibt, die man Tschitschen nennt, und wieder solche, die man nicht so nennt, und dass hinwiederum nicht alle Tschitschen Rumänen sind, sondern ein großer Theil davon wenigstens gegenwärtig nach Sprache und Sitten der slawischen Völkerfamilie zuzurechnen ist, — und endlich der weitere Umstand, dass in gewissen [107] (iogenden, welche in früheren Jahrhunderten nach dem Zeugnisse von Zeitgenossen Rumänen bewohnten, heute slowenisch oder kroatisch gesprochen wird und Niemand weiß, wann und wie sich dieser Wandel vollzogen hat.

Das von den Tschitschen bewohnte Gebiet, der sogenannte Tschitschenboden, erstreckt sich heutzutage vom krainischen Karste in südöstlicher Richtung bis zur Randhöhe der istrischen Küste des Quarnero und wird gegen Südwesten durch den Höhenzug der Vena begrenzt. Die nordöstliche Begrenzung fallt annähernd in die I^andesgrenze. Die Tschitscherei reicht also von Triest bis Fiume und umfasst im Bezirke Castel-nuovo die Ortschaften Castelnuovo, Golac, Jelovice, Lipa, Markovscina, Mune, Obrov, Pasjak, Poljane, Rafiice, Rupä, Sapjane, Skadanscina, Starada, Vodice und Zejane; im Bezirke Pinguente: Bergodac, Brest, Dane, Klenovscak, Lanisce, Podgace, Praporce, Racjavas, Raspo, Slum und Trstenik; im Bezirk Volosca: Bergud, Klana, Lisac, Lazi, Skalnica und Studena. Nach Tomasin zählt das ganze Tschitschenvolk ungefähr vierzehntausend Seelen, wogegen Czörnig jun. sie nur auf zehntausend schätzt.

Fig. 76. Morlake (Visinada). Fig. 75. Morlake.
 

Der Tschitschenboden ist ein Hochland, das sich durchschnittlich 400 Meter über dem Meeresspiegel erhebt; es ist mit spärlicher Vegetation bedeckt. Zwischen Steinen sprießt an windgeschützten Stellen der graue Salbei, die hochstengelige Eberwurz, die Mariendistel-, das Pfefferkraut; hie und da unterbricht eine Gruppe von Wachholderbäumchen, ein Schlehenoder Eschenbusch die Eintönigkeit des mit spärlichem Grase bewachsenen Weidelandes, über das man stundenweit dahinschreitet, bis man ein armseliges Dorf erreicht. Dieses liegt gewöhnlich in einer Thalsenkung, welche wenigstens einigen Schutz gegen die Bora, diesen schrecklichen Wintergast, gewährt und auf ihrer von spärlichem Humus bedeckten Sohle den Anbau von Kraut, Kohl, Mais und Hirse ermöglicht.

Auf diesem Hochlande wohnten zur Zeit der Römer die Japiden, ein den Istrcrn verwandtes Volk, welches nach Strabo aus einer Mischung von Kelten und Illyriern bestand und wiederholt die Colonie in Tergeste beunruhigte. Nach der Meinung Einzelner sind nun unsere Tschitschen die Nachkommen dieser mit neuen Ansiedlern vermengten Japiden. So meint Tedeschi, die Slowenen wären, als sie in Folge des Placet am Risano auf den Karst verwiesen wurden, weiter gegen Süden vorgedrungen, wenn ihnen nicht da ein namhaftes Hinderniß in einem romanischen Stamme entgegengestanden wäre, und er nennt die Angehörigen dieses Stammes Ciribiri, welche Bezeichnung die istrischen Rumänen führen.

Wenn wir dem Berichte des Triester Historiographen Frater Ireneo della Croce glauben dürfen, so tauchten die Rumänen im zwölften Jahrhunderte sogar im Triester Territorium auf, und diesen folgten später erst die Slowenen, welche heute in demselben ansässig sind. Der Chronist bezeichnet diese Rumänen oder  , wie er sie nennt, als Flüchtlinge; es ist also zu vermuthen, dass sie durch die Slawen aus ihren ursprünglichen Wohnsitzen auf der Balkanhalbinsel vertrieben worden sind. Ist das [108] richtig, dann können sie nicht, wie Ted esc hi annimmt, von den Japiden abstammen, welche in Istrien wohnten.

Urkundlich ist die Anwesenheit von Rumänen im Triester Gebiete für das Jahr 1490 festgestellt. Ein Decret des Kaisers Friedrich IV. von diesem Jahre bezeichnet sie als ein heimatloses Volk und verbietet ihnen streng, das Weideland um Triest zu benützen, Holz zu fallen, Kohlen zu brennen und Felder anzulegen. In dieser Urkunde werden die Rumänen «Chichii», Tschitschen, genannt. Dieses Decret erklärt auch das Verschwinden der Tschitschen aus dem Triester Territorium, wenn man annimmt, dass das gegen sie erlassene Verbot strenge gehandhabt wurde.

Fig. 79. Tschitschen (Essihändler).

Übrigens glaubt auch Bi der mann an die Existenz altansässiger Romanen keltoligurischen Stammes, welche später neuen Zuzug aus Dalmatien erhielten. Jedoch will er diese nicht mit den Tschitschen verwechselt sehen. Miklosich spricht sich gegen die Annahme aus, dass die Rumänen Istriens aus der Verschmelzung eines einheimischen Elements mit römischen Colonisten sich gebildet haben, da ihre Sprache zu jener der dakischen und makedonischen Rumänen in viel zu inniger Verwandtschaft steht. Seiner Meinung nach stammen die Rumänen Istriens aus der Urheimat der Rumänen im Süden der Donau. Sie sind als Wanderhirten in kleinen Gruppen, wahrscheinlich schon vor dem Beginn des 15. Jahrhunderts, in serbisches Gebiet und von da gegen Norden durch kroatische Gegenden nach Istrien gekommen. Urbas neigt sich der Ansicht zu, die Tschitschen seien gleichzeitig mit den Morlaken ins Land gekommen, zu welchen sie auch häufig gezählt wurden. So nennt eine Urkunde in Capodistria die [109] neuen Einwanderer abwechselnd Cici und Morlacchi, und ein Pfarrer von Pinguente erwähnt im Jahre 1650 der «Morlacchi» auf dem Karste, welche eine Sprache haben, die der lateinischen ähnlich sei. Spinčić bezeichnet als die Heimat der Tschitschen vor ihrer Einwanderung nach Istrien jene von den Ausläufern des Velebit durchzogene Landschaft, welche von der Unna, dem Verbas-Flusse und dem Meere begrenzt ist, also das nördliche Dalmatien und den nordwestlichen Theil Bosniens. Die Bezeichnung Cici leitet SpinSid von dem slawischen Worte Cica (Vetter) ab, womit sie sich begrüßen. NachUrbas enthält das Istro-Rumänische nicht nur slawische, sondern auch eine bedeutende Anzahl bulgarischer Sprachelemente. Merkwürdig ist, dass dieser bulgarische Einschlag sich bei den Tschitschen von Castelnuovo erhalten zu haben scheint, obgleich das Rumänische schon längst von dem Kroatischen verdrängt worden ist. Wenigstens erzählte mir bei meinem Besuche in dem Tschitschendorfe Vodice (1) der dortige Lehrer, dass der Gemeindevorsteher von Castelnuovo sich einer bulgarischen Grammatik bediene, um sich mit den Tschitschen zu verständigen.

Währefid heute die Bewohner des Tschitschenbodens mit alleiniger Ausnahme der 300 Insassen des Dorfes Zejane slawisch sprechen und gar keine Erinnerung an ihre rumänische Vergangenheit bewahren, hat sich in der Umgegend des Cepić-Sees in den Ortschaften Berdo, Grobnik, Jessenovich, Susnjevica, Letaj und Villanova eine compacte Rumänenbevölkerung von 1600 Köpfen erhalten. Diese nennt sich selbst Vlachi und wird von den Nachbarn Ciribiri genannt. Seit dem Jahre 1888 besitzen diese Rumänen eine eigene Schule, welche sie vor der drohenden Slawisierung bewahren dürfte.

Fig. 77. Tischitschenpaar vom Tschitschenboden

 

Fig. 78. Tschitsche (Koblenhändler).

[110] entstanden sein konnte, in welcher Dakien schon längst kein Theil des römischen Reichs gewesen, nämlich zwischen dem sechsten und siebenten Jahrhundert nach Ch. und an einer Stelle, «wo der westliche und der östliche Romanismus gemeinsam zusammenflössen». Das alte Illyricum bezeichnet Dr. Réthy als die Urheimat der Rumänen. «Hier (in den dalmatinischen und albanesischen Gebirgen) entstand das Rumänische in den Zeiten der Römer, hier gewann es seine Individualität, von hier aus zertheilte es sich infolge der späteren Ereignisse, bewahrte jedoch überall die Kennzeichen der gemeinschaftlichen Abkunft». Die sprachliche Grundlage des Rumänischen bildete sonach das Illyrische, das in der albanesischen Sprache heute noch fortlebt; das Rumänische ist nach Réthy's Ansicht ein «romanisierter illyrischer Dialekt». Im sechsten und siebenten Jahrhundert überzog der Latinismus auf dem Wege der christlichen Kirche den ganzen Bàlkan. In diese Zeit fällt nun nach Rethys Ansicht die Entstehung der rumänischen Sprache, welche dann durch die Sprache der einbrechenden Slawen beeinflusst wurde. Als Wanderhirten kamen die Rumänen dann nördlich bis Oberungarn, Galizien und Mähren, nordwestlich bis Istrien.

Fig. 80. Italienrinnen, Rovigno.
 

[111] Ich bin am Schlüsse meiner Darstellung angelangt. Wenn wir dieselbe kurz zusammenfassen, so ergibt sich folgendes Bild der Bevölkerung Istriens. Wir finden die Städte und die Küste bewohnt von Italienern, welche theils directe Nachkommen der römischen mit den Aboriginern vermengten Colonisten, theils die Söhne italienischer Einwanderer sind; die nördlichen Landschaften besetzt von Slowenen, welche wieder in Savriner und Berchiner zerfallen; den südlichen Landesthoil angefüllt mit einem Gemengsei von slawischen Ansiedlern aus allen Gegenden des westlichen Balkan, theils nach ihrer Urheimat (Montenegriner, Bochesen, Albanesen), theils nach ihrer Sprechweise (Fucki, Bezjaken) benannt, theils schlechtweg als Flüchtlinge (Uskoken) bezeichnet, während alle diese Stämme zum Unterschiede von den östlich von der Arsa in geschlossenen Wohnsitzen lebenden Kroaten unter dem Namen Morlaken zusammen-gefasst werden; am Westabhange des Monte Maggiore eine rumänische Colonie und im unwirtlichen Hochlande die Wohnsitze der räthselhaften Tschitschen.

Fig. 81. Italienerin (Dignano).

Aber nicht allein diese Stammesverschiedenheiten sind es, welche, wie Czornig sen. bemerkte, der ethnographischen Darstellung Verlegenheit bereiten, «sondern insbesondere die Verschmelzung verschiedener Abtheilungen einander nahestehender, ja selbst der entgegengesetztesten Volksstämme, welche keine Schriftsprache haben und deren gesprochene Mundart aus den verschiedensten, kaum zu entwirrenden Elementen besteht, so dass es oft den wenigen Gebildeten dieser Stämme schwer fällt, zu bestimmen, welcher Schriftsprache ihre Mundart am nächsten kommt. Man begegnet daselbst nicht nur kroatisierten Serben und serbisierten Kroaten, sondern auch kroatisierten Wallachen, ferner italienisiertcn Kroaten, welche zum Theile selbst ihre Muttersprache vergessen haben (an der Westküste); dann kroatisierten Italienern, bei denen dieses ebenso der Fall ist (im Innern), endlich einem Mischvolke, dessen Tracht italienisch, dessen Sitte slawisch, dessen Sprache ein Gemisch von serbischen und italienischen Wörtern ist.»


Notes:

  1. Die Schilderung dieses Besuches ist enthalten in meinem Skizzenbuche «Rund um die Adria». Graz, Leykam 1893.

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Created: Friday September 04, 2009; Last updated: Wednesday, August 24, 2016
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